„Wir brauchen digitale Auszeiten“

Christoph Neuberger sprach im Bietigheim-Bissinger Kronenzentrum über die Folgen des Internets für die Öffentlichkeit und den Journalismus.

Christoph Neuberger sprach im Bietigheim-Bissinger Kronenzentrum über die Folgen des Internets für die Öffentlichkeit und den Journalismus.

Christian Montag sprach über digitale Auszeiten und Internetsucht.

Christian Montag sprach über digitale Auszeiten und Internetsucht.

Christian Schicha sprach über moralische Verfehlungen der Medien.  Fotos: Martin Tröster

Christian Schicha sprach über moralische Verfehlungen der Medien. Fotos: Martin Tröster

Ein Hoch auf die gute, alte Armbanduhr. Und auf den Wecker, analog, gern mit Uhrwerk und Klingel. Dafür plädiert Christian Montag im Kronenzentrum, am zweiten Tag der Bietigheim-Bissinger Akademietage. Er hält den besten Einzelvortrag der drei Professoren, die an diesem Tag über die „Die Macht der Medien“ sprechen. Nicht, weil er besonders schlau spricht, das können sie alle. Montag ist am Donnerstag der beste Redner, weil er die größte Rampensau ist.

Der Kölner ist an der Uni Ulm Professor für das Fach „Molekulare Psychologie“. Das bedeutet, er geht unter anderem der Frage nach, wie sich die Psyche ins Hirn eingräbt. Oder, konkreter,  ob Smartphones süchtig machen. So knallig und unterhaltsam er präsentiert, so wissenschaftlich korrekt hält er sich mit Urteilen und Verurteilungen zurück, denn die Sache ist kompliziert: „Es ist umstritten, ob es eine Internetsucht als eigene Form der Sucht überhaupt gibt. Man spricht stattdessen häufiger von einer ,problematischen Nutzung’.“ Wohl aber gebe es in den Symptomen, die einige Internet-Nutzer zeigen, Ähnlichkeiten zur Sucht nach Alkohol oder anderen Drogen. Außerdem litten jene, die besonders oft im Netz surfen oder spielen, nicht selten an Depressionen oder an Hyperaktivität.

Macht das Internet dumm? Zwar führt Montag Beispiele an, wie zerhackt ein Arbeitstag durch zu viel Surfen und Smartphone sein kann, und wie unproduktiv das alles macht. Bei der Frage nach der Verdummung hält er sich zurück. „Ich würde das nicht so pessimistisch sehen. Einige Areale im Hirn werden trainiert“, etwa jene, die für Feinmotorik sorgen, „einige jedoch leiden“.

Nur bei dem Einfluss von Smartphones auf die Entwicklung von Kindern hält Montag sich nicht zurück: „Je jünger das Hirn ist, desto verletzlicher ist es.“ Wenn es soweit kommt, dass der natürliche und wichtige Spieltrieb wegen Tablets, Smartphones und Computer nicht ausgelebt werden könne, erwartet Montag Probleme. Doch auch für Erwachsene empfiehlt er ein zurückhaltendes Nutzungsverhalten: Lieber mal die Zeit an der Armbanduhr ablesen, oder sich vom Wecker wecken lassen, als bei jeder Gelegenheit aufs Smartphone zu gucken und sich gleich wieder in die Tiefen des Internets saugen zu lassen. „Wir brauchen dringend digitale Auszeiten“, fordert Montag.

Während der Psychologe sich auf den Zusammenhang von Mediennutzung und Hirnstruktur konzentriert, nimmt der erste Referent des Tages die Folgen des Internets für den Journalismus und die Öffentlichkeit unter die Lupe: Christoph Neuberger ist Professor für Kommunikationswissenschaft in München. Der Nutzen seines Vortrages besteht vor allem darin, dass er viele Binsenweisheiten zum Medienwandel, also zur überwältigenden Bedeutung des Internets und der sozialen Medien, mit Zahlen und Fakten untermauern kann.

Erst einmal zerschmettert er nüchtern die frühen Utopien, die mit dem Internet verbunden waren: Hat es zum Beispiel die Welt gleicher gemacht, dass nun fast jeder sich überall im Netz schnell Infos beschaffen kann? Nicht so ganz. Wissenschaftler stellen hierzulande eine „Nutzungskluft“ fest, wonach vor allem gebildete, reiche Westdeutsche das Netz nutzen, um sich zu informieren. Außerdem: „Der Streit mit dem Gegner findet kaum statt.“ So vernetzten sich ideologisch verwandte Blogs eher untereinander, als dass im Internet der Streit mit dem politischen Gegner in einer (schriftlichen) Diskussion ausgefochten würde.

Befragt nach der heutigen Macht der Medien, sagt Neuberger: Der klassische Journalismus habe auch infolge der wirtschaftlichen Schwächung einiger Medien (Auflagen- und Anzeigenrückgänge, „Gratis-Mentalität“ im Internet), so wenig Macht wie noch nie seit dem 19. Jahrhundert.

Der letzte Referent des Tages ist nach eigener Aussage einer von nur zwei Professoren für Medienethik in Deutschland: Christian Schicha, der in Erlangen lehrt. Sein Vortrag „Die Macht der Medien – eine ethische Betrachtung“ wurde keine umfassende systematische Analyse, sondern ein Parforceritt durch die moralische Leichenhalle des deutschen Journalismus: sei es das Geiseldrama von Gladbeck, bei dem 1988 sensationsgierige Reporter die Arbeit der Polizei behindert haben, oder sei es das Belästigen der Angehörigen von Opfern des Amoklaufs von Winnenden im Jahr 2009. Dieses ausführliche Aneinanderreihen von Abscheulichkeiten deutscher Journalisten machte den Vortrag sehr kurzweilig, wenn auch am Ende nicht so tiefgründig wie jene von Montag und Neuberger.

Auch die Boulevardmedien, sagte Schicha, trügen ihren Teil dazu bei, dass der Ruf von Journalisten im Schnitt noch nie besonders gut war – noch bevor in Dresden „Lügenpresse“-Rufe ertönten. Und für einen Medien-Ethiker sei „Bild“ immer ein „gefundenes Fressen“. Diesem Blatt hat er schon ein eigenes Seminar an der Uni gewidmet. Doch trotz aller Probleme zeigt er sich unterm Strich überzeugt: „Wir haben nach wie vor ein funktionierendes Mediensystem.“

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