Philosoph Goldberg: „Schuld sind häufig andere“

„Wir suchen oft die Schuld für unsere Probleme bei anderen“, sagt Florian Goldberg, Philosoph, Autor und Führungskräfte-Coach. Tobias Knaack hat ihn zum Thema genervte Nation interviewt.

Der Philosoph Florian Goldberg: „Wir suchen die Verantwortung für unsere Probleme oft bei anderen“ Foto: 

Herr Goldberg, sind wir zunehmend leichter genervt?

Florian Goldberg: Ich nehme eine latente Gereiztheit und Überforderung wahr – im Coaching mit Führungskräften, aber auch im privaten Umfeld. Vereinfacht gesprochen suchen wir die Ursache für unsere Probleme und Unsicherheiten häufig nicht bei uns sondern bei anderen. Das mag damit zu tun haben, dass wir zu wenig mit uns alleine sind - allein auf eine ganz altmodisch analoge Weise - und den Umgang mit uns selbst verlernen.

Was fällt Ihnen noch auf?

Wir richten unser Tun heute zunehmend am ökonomischen Nutzen statt an humanistischen Maßstäben aus. Wir fragen nur: „Wie funktioniere ich am besten?“ Diese Versuche äußerlicher Selbstoptimierung können eine innere Unausgeglichenheit zusätzlich befeuern.  

Sie sprachen eingangs von Überforderung . . .

Ich nenne das „die digitale Verformung“. Durch das Smartphone setzen wir uns einer ständigen Verfügbarkeit aus, während die direkte Begegnung mit anderen zu kurz kommt. Gleichzeitig werden wir überschwemmt von Reizen und Informationen aus aller Welt. Das kann ein diffuses Gefühl der Bedrohung erzeugen - als ginge gleich die Welt unter!

Dabei geht es gerade uns in Deutschland unverändert sehr gut.

Ich habe vor kurzem zwei Friseuren zugehört, die sich darüber unterhielten, dass so viel von Krisen geredet werde, in ihren direktem, eigenen Leben davon aber eigentlich gar nichts zu bemerken sei. Bei vielen ist der Eindruck aber genau anders. Gefühlte Wirklichkeit und tatsächliches Geschehen klaffen auseinander. Zudem fehlt das Bewusstsein, dass der erreichte Wohlstand keine Selbstverständlichkeit ist. Die Wirklichkeit ist immer in Veränderung begriffen. Als Einzelner bin ich gefordert, die Veränderungen ursächlich mitzuvollziehen.

Was meinen Sie konkret?

Etwa eine Rückbesinnung darauf, was es bedeutet, in einem demokratischen Staat zu leben. Demokratie gründet auf der Idee verantwortlicher Individuen. Viele sehen sich als machtloses Teilchen eines großen Systems, als „Opfer der Umstände“. Sie verharren, wie ich es nenne, in der Wirkungsposition. Ich glaube, dass wir im Grunde ursächliche Wesen sind, dass also jeder die Voraussetzung zum konstruktiven Gestalten hat und das tun sollte. Das ist auch unsere Verantwortung als Staatsbürger.

Was heißt das für den einzelnen?

Ein Anfang wäre, uns mehr mit uns selbst auseinanderzusetzen, unsere blinden Flecken ausleuchten: „Was trage ich zu der Situation bei, in der ich mich finde?“ Das kann schmerzhaft sein, doch je länger ich es vermeide, desto schwieriger wird es. Dann werden nichtige Streitigkeiten dramatisiert. Und jede Dramatisierung weist auf eine versteckte Unwahrheit hin: Man sucht die Schuld bei anderen und will den Teil, den man selber beiträgt, nicht anerkennen.

Lesen Sie hier den Artikel des Autors „Das Volk der Genervten“

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