Neonazis, Mordserie und offene Fragen: Eva Högl spricht in Hall

Eva Högl, Mitglied des Berliner NSU-Untersuchungsausschusses, war am Mittwoch zu Gast in Schwäbisch Hall. Sie äußerte erstmals offen Zweifel an der Zufallsopfer-Theorie beim Mord an Michele Kiesewetter.

Der Polizistenmord in Heilbronn gilt als Schlüssel der Mordserie, für den der Nationalsozialistisch Untergrund verantwortlich gemacht wird. Bis zu jenem 25. Mai 2007 waren neun Migranten mit einer Ceska erschossen worden. Die Beamtin Michele Kiesewetter war Deutsche. Das Projektil, das ihr Kopf durchschlug, wurde aus einer Radom abgefeuert.

Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss (PUA) in Berlin legte 2013 seinen Abschlussbericht vor, der über 1300 Seiten umfasst. Konkrete Fragen zu Heilbronn konnten trotz scharfer Nachfragen bei Behörden, der intensiven Lektüre von tausenden Dokumenten und nach etlichen Zeugenvernehmungen nicht aufgeklärt werden. Die Obleute übten aber kaum Kritik.

Högl: "Keine Beweise für unsere These"

Heute sieht das anders aus: Dr. Eva Högl, damals Obfrau der SPD im PUA, sprach nun als erste offen über Zweifel an der Mordtheorie. Der Generalbundesanwalt geht davon aus, dass die getötete Polizistin und ihr schwer verletzter Kollege Zufallsopfer wurden, dass nur die mittlerweile toten NSU-Männer Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt als Täter in Frage kommen.

„Wir waren und sind alle nicht der Auffassung, dass Kiesewetter ein Zufallsopfer war“, sagt Högl über sich und die PUA-Kollegen Clemens Binninger (CDU) und Petra Pau (Die Linke), die noch im Bundestag sitzen. „Wir glauben nicht, dass der NSU aus nur drei Personen mit einem kleinen Helferkreis bestand.“ Es müsse ein breites Netzwerk gegeben haben. Ihre damalige Zurückhaltung beruhe darauf, „dass wir keine Beweise für unsere These haben“. Sie sei „beunruhigt, weil ich das Gefühl habe, viele Hintergründe, Fragen und Zusammenhänge werden nicht weiter ermittelt und auch im Prozess in München nicht ausreichend erörtert“.

Die Parlamentarier hätten Zeugenhinweise aus Heilbronn auf einer Karte rekonstruiert. „Die beschriebenen Fluchtwege deuten darauf hin, dass mehr als zwei Männer beteiligt gewesen sein müssen.“ Der Tatort Theresienwiese sei „kein Platz, an dem man einfach vorbeifährt“. Ortskenntnisse seien nötig.

Unbeantwortet seien zudem Fragen zu zwei Polizisten, die im rassistischen Ku-Klux-Klan in Schwäbisch Hall aktiv waren. Einer war Gruppenführer von Kiesewetter. Der Klan-Chef war als bezahlter Informant aus der Szene auf das NSU-Umfeld in Thüringen angesetzt. Ein weiteres rechtsextremes KKK-Mitglied mit Bezügen zum NSU war Thomas R., der als „Corelli“ dem Bundesamt für Verfassungsschutz Informationen lieferte. Der 39-Jährige lebte zuletzt mit neuer Identität im Zeugenschutzprogramm im Landkreis Paderborn. Er wurde am 7. April von Verfassungsschutzbeamten tot in seiner Wohnung aufgefunden. Bei der Obduktion sei als Todesursache eine unerkannte Diabetes festgestellt worden, erklärte die Staatsanwaltschaft. Högl hat an dieser Version Zweifel, will das Thema mit Kollegen in den Innenausschusses bringen.

Kritik am Verfassungsschutz

Mysteriöser Tod von Florian Heilig

Grund ist auch eine CD mit der Aufschrift „NSU/NSDAP“ aus dem Jahr 2006, die dem Verfassungsschutz im Februar zugespielt worden war. Sie soll von „Corelli“ stammen. Hatte er früh Kenntnis von den Machenschaften des Trios? Befragen kann ihn heute keiner mehr.

Ähnlich mysteriös ist der Tod von Florian Heilig auf dem Cannstatter Wasen 2013. Er war ein Hinweisgeber zum Polizistenmord, verbrannte just an dem Tag in seinem Auto, an dem er erneut vom Landeskriminalamt befragt werden sollte. Die Polizei erklärte, es sei Suizid aus Liebeskummer gewesen. Eltern und Freundin glauben das nicht.

In Sachen Polizistenmord haben offenbar auch die Karlsruher Staatsanwälte mittlerweile Zweifel an der Zwei-Täter-Theorie. Im Hintergrund wird bereits gegen Unbekannt ermittelt, wie Eva Högl am Mittwoch bestätigte.

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