Gelungene Eröffnung der Göppinger Theatertage

„Faust“ mal als fröhliches Singspiel, mal als Freudentempel für Freudianer, Gretchen mal als Urmutter, mal als zickige Diva: Den Besuchern wurde zur Eröffnung der Göppinger Theatertage einiges geboten.

Der Textstreicher und die Schauspielerin: In „Gretchen 89 ff“ proben verschiedene Regisseur- und Darsteller-Typen die berühmte „Kästchen-Szene“ mit Gretchen. Foto: 

I denk, scho.“ Der Satz hat sich Lothar Hilger tief eingebrannt. Gesagt hat ihn der scheidende Fachleiter der Göppinger Theatertage, Uwe Wittmann, der mit Ralf Rummel und Margarete Kienzle die Stückauswahl verantwortet hat. Und wie immer war die wichtigste Entscheidung im Vorfeld die über das Eröffnungsstück. Weil dies (das weiß Hilger, der als Leiter des Kreisjugendamts das Treffen mitorganisiert) eben nicht nur die Theater-Aficionados sehen, sondern das breite Publikum. Und das will unterhalten werden.

Die Aussage „I denk, scho“ verheißt Zuversicht und hinterließ doch Restzweifel, zumindest bei Lothar Hilger, wie er bei seiner Eröffnungsrede zugab. Doch diese Zweifel zerstreuten sich am Mittwochabend beim Auftritt des Erfurter Theaters Schotte schnell. Denn die Besucher erlebten in der Stadthalle Göppingen mit „Gretchen 89 ff“ 70 Minuten lang launiges Ensemble-Theater.

Die Gruppe hatte allerdings mit der Auswahl des Stücks auch einen guten Griff getan. Die spritzige Komödie von Erfolgsautor Lutz Hübner (Creeps; Frau Müller muss weg) bietet bestes Rollenfutter für Prototypen des Theaters mit verschiedenen Darstellerarten von der naiven Anfängerin bis zur zickigen Diva.

Der Titel verweist auf die frühe Reclam-Ausgabe von Goethes „Faust“, wo auf den Seiten 89 und folgende von Gretchen zu lesen ist, das ein von Mephisto und Faust zuvor in ihrem Zimmer verstecktes Schmuckkästchen findet, durch das das Mädchen in einen euphorisierten Zustand gerät. Hübner lässt nun die berühmte Szene auf der Probebühne eines fiktiven Stadttheaters in wechselnden Varianten nachspielen.

Da ist der Regie-Pedant, dem alles recht ist, solange seine Ordnung nicht durcheinander gerät. Oder der gefürchtete Textstreicher, der gleich beim „König von Thule“ abwinkt: „Thule? Wer kennt schon Thule. Gestrichen!“ Nicht anders geht es Gretchens Monolog „So schwül, so dumpfig…“. Zu blumig! Gestrichen!

Der musikalische Regisseur dagegen lässt Gretchen die Szene singen und versucht dabei, die Darstellerin um den Finger zu wickeln. Für das spritzige Spiel der beiden gab es zurecht viel Beifall – ebenso wie für den folgenden Freudianer auf der Suche nach der Urmutter, der eine ganz spezielle Vorstellung von der Szene hat: „Schwül… dumpfig... da geht es um Sex. Die Frau ist scharf!“ Kein Wunder, dass hier das Schmuckkästchen zum phallischen Symbol wird.

Die Höhepunkte kommen zum Schluss: Da ist – in Vertauschung der Rollen – der Auftritt der Dramaturgin mit dem männlichen Gretchen-Darsteller, der – ganz im Sinne von Goethes „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“ – mehr an den satten Fahrtpauschalen als an der Rollenfindung interessiert ist. Wobei die Dramaturgin ihn mit dem Hinweis, er solle sein Gretchen „geschlechtsneutral spielen“, ohnehin überfordert. Und am Ende der Regisseur-Typologie kommt der „Abgründige“, ein Klaus Kinski für Arme, der die ganze „Stadttheater-Scheiße“ nicht mehr sehen kann und die  junge Mimin in die Flucht treibt.

Das Theater Schotte passt die von Hübner für zwei Darsteller verfasste Textvorlage an seine Bedürfnisse an und lässt die Rollen von acht Personen spielen, deren Auftritte von einer erfahrenen Theatergängerin in der ersten Reihe heiter-charmant kommentiert werden. Und auch wenn nicht alle Szenen gleich stark sind, so spürt man doch immer die große Spielfreude, mit der das Ensemble – mit den Möglichkeiten eines freien Jugendtheaters – das Komödiantische dieser fröhlichen Wechselspiele herauskitzelt. Dafür gab es am Ende viel Beifall – und erleichtertes Klatschen bei Lothar Hilger.

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