Mit Disziplin und Demut – Mathias Schlung spielt Pilatus und Herodes

Schon als Junge hat er Sinatra gesungen und Shakespeare gelesen: Mathias Schlung wusste früh, dass er auf der Bühne und vor der Kamera arbeiten möchte.

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    Herodes (Mathias Schlung) packt sich Jesus, seinen Widersacher (Patrick Stanke). Foto: 
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    Mathias Schlung schlüpft auf der Großen Treppe gleich in zwei Rollen.   Foto: 

Ein Glas fällt zu Boden und geht klirrend zu Bruch. „Hoppla“, sagt Mathias Schlung mit heller Stimme und wirft der Kellnerin, die das Malheur beseitigt, einen sanften Blick zu. Der 45-Jährige ist ein angenehmer Zeitgenosse mit feinen Manieren.

Weniger feinfühlend sind die beiden Figuren, die er in „Jesus Christ Superstar“ bei den Freilichtspielen Hall verkörpert: zum einen den römischen Statthalter Pontius Pilatus, der Jesus zum Tode verurteilt – in der Haller Inszenierung nicht aus Mordlust, sondern angestachelt von einem wütenden Mob. Seine zweite Rolle ist die des römischen Königs Herodes, der Jesus nach dem Leben trachtet – von Schlung unterhaltsam gespielt als übergewichtiges Brathähnchen, über das die Zuschauer herrlich lachen.

Was Mathias Schlung auszeichnet – und nicht dem Klischee des Künstlers entspricht –, ist seine große Disziplin. Er erarbeitet sich seine Rollen eher mit dem Kopf als mit dem Bauch. Wobei der Begriff „erarbeiten“ wörtlich zu verstehen ist. Er ist extrem pünktlich, sehr textgenau und über lange Probentage zu klagen, käme ihm nie in den Sinn. Natürlich ist er auch mal faul, aber er gibt dem Laster selten nach, kämpft sogar dagegen an. So ist das auch, wenn er sich morgens zum Laufen zwingt, obwohl er Sport überhaupt nicht leiden kann. Der Grund dafür ist ein Gefühl von Demut gegenüber der Schauspielerei. Seinen Beruf empfindet er als Privileg, das es zu würdigen gilt.

Das klingt strenger, als es sich für ihn anfühlt. „Disziplin kann auch Spaß machen“, findet er. Und in einem klar umrissenen Rahmen, zum Beispiel auf der Bühne, kann er auch Gefühle zeigen und Kontrollverlust als etwas Schönes empfinden.

Seine vier Wände sind ihm sehr wichtig

Möglich, dass ihn seine disziplinierte Art ein klein wenig zum Außenseiter im Ensemble macht. Wenn die anderen nach gelungener Vorstellung feiern, geht er lieber in seine Haller Wohnung auf Zeit und macht es sich dort gemütlich. Überhaupt sind ihm seine vier Wände überaus wichtig. Sie sind sein Nest, sein Refugium. Besuch bekommt er nur ungern. In den fünf Jahren, die er mittlerweile in Berlin lebt, hat er nur etwa zehn Gäste gehabt. Einen ungeselligen Eindruck macht Mathias Schlung aber ganz und gar nicht. Eher den eines charmanten Menschen mit ein paar Eigenarten, der das Kind in sich bewahrt hat: Statt Kaffee und Alkohol trinkt er lieber Limo. Ein bisschen Angst vor dem Erwachsensein spielt dabei sicher eine Rolle.

Schon als Kind war Mathias Schlung ein Außenseiter, „aber ein genussvoller“, sagt er. Gelangweilt hat er sich nie. Er konnte sich wunderbar mit sich selbst beschäftigen, dachte sich Fantasie-Geschichten von Vampiren aus und träumte sich in seine eigene Welt. Auf die Mitschüler mag das spleenig gewirkt haben: ein gleichaltriger Junge, der Sinatra sang und Shakespeare las.

Etwas anderes als die Schauspielerei kam für Mathias Schlung nie in Frage. Als er 16 Jahre alt war, nahm seine Lateinlehrerin ihn mit nach Berlin ins Theater des Westens. Mit offenem Mund guckte er sich im riesengroßen Spiegelsaal um, sah die prunkvolle Kassettendecke mit ihren ungezählten Blumenrosetten und wusste: Hier will ich mal spielen – ganz egal was. 2006 war es dann so weit.

Im selben Jahr stand Mathias Schlung auch zum ersten Mal bei den Haller Freilichtspielen auf der Bühne, in „Figaro kurz vor der Hochzeit“. Dramaturg Georg Kistner war seinerzeit im Berliner Grips-Theater auf ihn aufmerksam geworden, wo Schlung fest engagiert war. Und jetzt, zehn Jahre später, ist er wieder da. 45 Jahre alt und immer noch nicht so ganz erwachsen. Warum sollte er auch?
 

Zur Person

Mathias Schlung (45) wurde in Göttingen geboren. Er studierte Schauspiel am Max-Reinhardt-Seminar in Wien. Er arbeitete an Theatern in Deutschland, Österreich und ist auch durch TV-Formate wie „Die Dreisten Drei“ oder „Die Comedy-Falle“ bekannt. Er spielte Hauptrollen im Musical „Der Schuh des Manitu“ und bei den Nibelungenfestspielen in Worms. 2013 wirkte er bei den Salzburger Festspielen im „Sommernachtstraum“ mit. Bereits 2006 spielte er in Hall in „Figaro kurz vor der Hochzeit“ mit. Dieses Jahr schlüpft er für „Jesus Christ Superstar“ in die Rollen von Pontius Pilatus und Herodes. Mathias Schlung lebt als Single in Berlin und hat keine Kinder. buf

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