Adenauer und Erhard als Thema eines Symposiums in München

Ludwig Erhard mit seiner charakteristischen Zigarre. Foto: 

„Es war ein geniales Gespann“, sagt Stephan Werhahn, „das sich aber zum Schluss leider im Weg stand.“ Das Team bestand aus den Polit-Titanen der frühen Bundesrepublik: Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) sowie Wirtschaftsminister und Kanzler-Nachfolger Ludwig Erhard. Werhahn sprach kürzlich in München bei einem Erhard-Gedächtnissymposium über „den Alten und den Dicken“, wie die Politiker damals in den 50er- und 60er-Jahren genannt wurden.

 Das hat auch mit Ulm zu tun, wenngleich die Zusammenhänge nicht sofort ersichtlich sind. Werhahn, 64 Jahre und ein politischer und wirtschaftlicher Hansdampf, ist der Enkel Konrad Adenauers. Und er ist Kreisvorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung in Alb-Donau/Ulm.

Gerade dieser Werhahn spricht nun vor Studenten der privaten FOM-Hochschule, wo Berufstätige neben der Arbeit Bachelor oder Master erlangen können, über das Verhältnis seines Großvaters zu Ludwig Erhard. Der Ökonomie-Professor wird in den Geschichtsbüchern als Vater der äußerst erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft bezeichnet. Und er war, wenngleich in Fürth geboren und am Tegernsee wohnhaft, 28 Jahre lang Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Ulm – von 1949 bis zu seinem Tod 1977.

 Dass sich Adenauer und Erhard nicht mochten, dass genauer gesagt Adenauer Erhard nicht mochte, ist bekannt. Stellt sich nun der Adenauer-Enkel Stephan Werhahn vor seinen Großvater, den er aus seiner Kinderzeit noch in liebevoller Erinnerung hat?

Mitnichten. Adenauer musste 1963 mit 87 Jahren als Kanzler weichen, Erhard folgte. Und Adenauer begann, so meint der Enkel, mit seiner „Obstruktion“: Der neue Kanzler hatte sich „der Intrigen Adenauers zu erwehren“.

Es ist interessant, wie da Geschichte heraufzieht und menschlich wird – aus den Jahrzehnten, die oft als ebenso prosperierende wie muffig-verklemmt-verdrängende  Wirtschaftswunderzeit beschrieben werden. „Erhard war jeder Intrige abhold“, sagt Werhahn, „und an Parteipolitik nicht interessiert“. Im Gegensatz zu Adenauer, der alle Tricks und Kniffe kannte und noch im Ruhestand bestens in der CDU vernetzt war, wie man es heute sagen würde. Es gibt sogar eine Diskussion, ob Erhard offiziell CDU-Mitglied war, die Partei jedenfalls war ihm völlig egal.

 Adenauer hielt Erhard für völlig ungeeignet für die Kanzlerschaft. Als Minister sei ihm Erhard „auf die Nerven gegangen“, sagte Werhahn. Wenn man dazu etwas mehr liest, entdeckt man: Der katholische Rheinländer mochte das lange Schwadronieren des protestantischen Franken nicht, ihn widerte dessen penetranter Zigarrenrauch an, und er empörte sich angeblich über dessen teils hohen Alkoholkonsum. Zugleich war Erhard in den Adenauer-Wahlkämpfen das populärste Zugpferd, wie aus dem Nichts heraus konnte er auf großer Bühne begeistert reden. Seine eigene Kanzlerschaft von 1963 bis 1966 gilt gemeinhin als wenig gelungen. Zeitzeugen berichten, dass er es lieber hatte, mit „Herr Professor“ denn mit „Herr Bundeskanzler“ angeredet zu werden.

In Ulm nun gibt es eine Ludwig-Erhard-Stiftungsprofessur an der Uni und eine Ludwig-Erhard-Brücke. Viele sehen Erhard wie auch Adenauer als historische Figuren, die heute völlig aus der Zeit gefallen wirken. Vor allem neoliberale Strömungen aber wünschen sich „mehr Erhard“. Und der CDU-Mittelstandsvorsitzende nimmt den ebenso sensiblen wie dicken Zigarrenraucher vor seinem eigenen Großvater in Schutz.

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