Fälscher hinter Klostermauern

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    Im Kloster in Obermarchtal waren einst Fälscher am Werk. Foto: 
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    Das Siegel des Pfalzgrafen Rudolf I. von Thüringen: links das angebliche, rechts das authentische. Foto: 

Im Jahr 1771 rühmte der Obermarchtaler Prämonstratenser Sebastian Sailer in seiner Festschrift „Das Jubilierende Marchtal“ begeistert das „treffliche Archiv“ seines Klosters, das damals gerade sein 600-jähriges Bestehen feierte. Dass dieses „treffliche Archiv“ aber eine ganze Reihe gefälschter mittelalterlicher Urkunden enthielt, war dem jubilierenden Pater sicher unbekannt, denn die Urkundenfakes gingen auf die Zeit um 1300 zurück.

Prof. Wilfried Schöntag, bis zu seiner Pensionierung 2005 Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg, hat vor fünf Jahren eine umfangreiche Gesamtdarstellung des „reichsunmittelbaren Prämonstraten­ser­stifts Marchtal“ vorgelegt. Ihr folgt nun eine kriminologische Untersuchung der „Marchtaler Fälschungen“. Sie entstanden im „politischen Kräftespiel der Pfalzgrafen von Tübingen, der Bischöfe von Konstanz und der Habsburger (1171–1312)“, wie der Untertitel des Bands erläutert.

In diesen heftigen Auseinandersetzungen drohte das Stift ein Spielball der politischen Mächte zu werden. Die Gegenaktion bestand in „einer außergewöhnlich umfangreichen Fälschungsaktion von Urkunden und Siegeln“.

Ziel der Fälschungen war die Unabhängigkeit des Klosters von weltlichen oder geistlichen Herren, wobei der Streit vor allem um die Vogteirechte ging, also die Aufsicht über das Kloster, die die Prämonstratenser abschütteln wollten. Die Reichsstadt Ulm bezahlte 1446 die enorme Summe von 25 000 Gulden für die Ablösung der Vogteirechte und den gesamten Ulmer Besitz des Klosters Reichenau. Die Marchtaler Mönche dagegen, die nicht über das Vermögen der Ulmer Stadtherren verfügten, griffen in ihren Nöten zum Rasiermesser und zur Feder.

Akribisch analysiert Wilfried Schöntag die Techniken der Fälscher, die mit Raffinesse eine reiche Methodenvielfalt entwickelten. Sie veränderten originale Siegel und produzierten neue, sie rasierten die ursprünglichen Texte aus und schrieben darüber erweiterte Fassungen, in denen nun alles bestätigt wurde, was das Kloster in seinen Auseinandersetzungen aktuell benötigte. Fast möchte man den modernen Satz va­ri­ieren und feststellen: „Pergament ist geduldig.“

Wilfried Schöntag ist nicht der erste, dem aufgefallen ist, dass da etwas nicht stimmt – schon die Forscher im späten 19. Jahrhundert äußerten Zweifel an den Marchtaler Urkunden. Aber erst der neue Band stellt den Umfang der Fälschungen fest und untersucht mit kriminalistischem Scharfsinn die Methoden der Fake-Pro­duzenten.

Das Fazit: Von „38 Pergament­urkunden“, die „aus den Jahren von 1171 (dem Gründungsdatum) bis 1250“ überliefert sind, sind nur zwölf Exemplare original, alle anderen sind Fälschungen. Die wurden bis 1305 fortgesetzt: „Zu jedem um 1300 und kurz danach bestehenden Konflikt gibt es eine oder mehrere auf den Namen von Hugo II. (dem Klosterstifter) ausgestellte Fälschungen!“

Schöntags kritische Untersuchungen ergeben nicht zuletzt, dass die frühen Jahrhunderte des Stifts Obermarchtal neu beschrieben werden müssen. Denn die bisherige Forschung ist zu einem guten Teil den Fälschern aufgesessen ist und hat deren Angaben über den Besitz und die Rechte des Klosters ungeprüft übernommen.

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