Träume der DDR-Bürger

Auf dem Weg nach Bayreuth zu den Festspielen hat Patrick Seibert, Assistent von "Ring"-Regisseur Castorf, in der vh aus dem Nähkästchen geplaudert.

"Das Theater in der DDR war ganz und gar langweilig", sagt Patrick Seibert und berlinert weiter: "Es war staatstragend, und alles wurde einem erklärt". Kein Wunder, dass der Enkel des Schriftstellers Friedrich Wolf in den späten 90er Jahren so fasziniert war von der Volksbühne des Frank Castorf.

Er wurde dessen Regieassistent, dramaturgischer Mitarbeiter (und Schauspieler) beim so faszinierenden wie umstrittenen "Ring des Nibelungen" für die Bayreuther Festspiele. Seibert, Jahrgang 1975, machte jetzt mit vollgepacktem Auto, schon auf dem Weg zu den Proben, einen Halt in Ulm. Im Club Orange erzählte er auf Einladung des Richard-Wagner-Verbands Hintergründiges über diesen Bayreuther "Ring" und auch viel über Castorf, dessen "postdramatisches Theater" und die DDR.

"Eins-zu-eins-Adaptionen gehen mit Castorf nicht, das hat mit seiner Biografie zu tun." Der Regisseur collagiere lieber Dinge, die ihn umtreiben. Also kein Erklärtheater auf der Bühne - dafür erklärte Seibert den Wagnerianern sympathisch, was Sache ist. Castorf thematisiere im "Ring" das Erdöl als Symbol für die Macht: "Etwas, wonach alle gieren, was alle brauchen, was uns aber auch kaputtmacht - durch Kriege und Umweltkatastrophen." Das "Rheingold" etwa zeige als Bühnenbild ein Motel mit Tankstelle an der Route 66: "Amerika, diese Weite, das war für DDR-Bürger der Inbegriff von Sehnsucht. Öl als Zeichen der Freiheit."

Und der Einspruch der Regietheater-Gegner? Seibert zeigte Verständnis: "Ich gehe auch gern nach Verona, aber manchmal möchte ich Theater für Fortgeschrittene sehen." Ob denn Castorf sich mit der Musik Wagners beschäftigt habe? Seibert lapidar: "Castorf kommt vom Rock 'n' Roll." Alles gehe bei ihm über die emotionale Ebene.

Ein schöner Ost-Berliner Bayreuth-Nachmittag in der Ulmer vh. Seibert ist dann mal zum Grünen Hügel weitergefahren, hat aber "ein bisschen Angst": In vier Wochen beginnen schon die Generalproben, aber fünf große Partien sind neu besetzt worden, darunter der Alberich (Oleg Bryjak gehört zu den Opfern des German-Wings-Todesflugs) und der Siegfried (Festspielchefin Katharina Wagner tauschte Lance Ryan aus). Viel Arbeit im real existierenden Festspielbetrieb.

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