Wissenschaftler Gerhard Henkel forscht über Dörfer

Die Sorge um das tägliche Brot, die Enge, das starre Sozialgefüge - typisch für Dörfer noch vor 50 Jahren. Heute sei der Dorfbewohner wohlhabender, das Landleben liberal, sagt Humangeograph Gerhard Henkel.

Im beschaulichen Langenauer Teilort Hörvelsingen gibt es eine Genossenschaft, die den Dorfladen betreibt. Vorbildlich: Denn nur aktive Dorfgemeinschaften haben eine Zukunft, sagt der Dorf-Forscher Gerhard Henkel.

Im beschaulichen Langenauer Teilort Hörvelsingen gibt es eine Genossenschaft, die den Dorfladen betreibt. Vorbildlich: Denn nur aktive Dorfgemeinschaften haben eine Zukunft, sagt der Dorf-Forscher Gerhard Henkel.

Der Wissenschaftler Gerhard Henkel genießt das Leben auf dem Land.

Der Wissenschaftler Gerhard Henkel genießt das Leben auf dem Land.

Als "Anwalt der Dorfes" und als "Dorfpapst" wird Gerhard Henkel bezeichnet. Henkel, Professor für Humangeographie im Ruhestand, forscht seit Jahrzehnten über das Dorfleben in Deutschland. Sein Ansatz: Dörfer als Siedlungsform werden zu gering geschätzt. Nicht nur die Stadt, auch das Dorf sei ein "Erfolgsmodell der europäischen und deutschen Geschichte". Humangeographie befasst sich mit räumliche Ordnungen und Mustern gesellschaftlichen Handelns.

Der 71-Jährige ist pensioniert, aber in seinem Fall heißt das nichts. "Ich bin immer auf Achse", sagt Henkel, unterwegs zu Vorträgen, Podiumsdiskussionen. Henkel, der in einem 2600-Einwohner-Dorf in Westfalen lebt, hat Freude am Land: "Ich genieße die Ruhe, den großen Garten und den nahen Wald, die engen sozialen Kontakte in Vereinen, Nachbarschaften und Kirchengemeinden." Im Vorgriff auf seinen Vortrag in Hüttisheim äußert er sich zu Stärken und Schwächen der Dörfer.

Verlust Seit 1950 hat sich in den Dörfern vieles verändert. "Es gab früher mehr Alltagsleben", sagt Henkel. Selbst in kleineren Dörfern existierten Land- und Forstwirtschaft, Schreiner, Schuster, Gasthöfe, Geschäfte, Bäckereien. "Es war vieles in Bewegung, in den Häusern, auf den Straßen, die Schulen waren voll." Das alles sei deutlich ausgedünnt. Die wesentlichen Verluste betreffen Arbeitsplätze - etwa in der Landwirtschaft - und Infrastruktur.

Gewinn Die technische Infrastruktur in den Dörfern - wie Strom-, Wasser- und Energieversorgung - sei dagegen viel besser geworden. Auch auf dem Land gebe es inzwischen Freizeiteinrichtungen: Sporthallen, Tennisplätze, Reitsportanlagen, markierte Wander- und Radwege - "Angebote, von denen man in den 50er Jahren nur träumen konnte". Es gebe Landregionen, die wirtschaftlich über dem jeweiligen Landes- und dem Bundesdurchschnitt liegen, zum Beispiel in Baden-Württemberg, im nordwestlichen Niedersachsen und im südlichen Westfalen. Dafür sorgten viele mittelständische Betriebe, die zu den Weltmarktführern ihrer Branche gehören. In einigen Regionen sei der Tourismus zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor geworden.

Aussterben Das Land verliere durch Abwanderung überwiegend junge Menschen. "Das ist sehr schmerzhaft", meint der Humangeograph. Es seien die 18- bis 27-Jährigen, die zur Ausbildung oder zum Studium in die Städte gehen. Aber man könne nicht leugnen, dass bei Wegziehenden und auch bei Städtern eine Sehnsucht nach Natur, Ruhe, Gemeinschaft, Überschaubarkeit, Nähe, Regelmäßigkeit bestehe. "Gar nicht so wenige Jugendliche kommen zurück, wenn sie ihren Beruf gefunden und eine Familie mit Kindern gegründet haben."

Nachteil "Gerade kleinere Dörfer haben heute weder Gasthof noch Geschäft", sagt Henkel. Landbewohner seien viel unterwegs, müssten oft weite Wege pendeln: zur Arbeitsstätte, zu Ärzten, Verwaltungen, Hochschulen und kulturellen Einrichtungen. Vor allem in abgelegenen Gebieten sei das ein Problem.

Vorzug Zu den Vorteilen des Landlebens gehöre, dass die sozialen Netze dicht seien. "Man kennt sich und engagiert sich - das schweißt zusammen." Das Landleben biete viele Handlungsmöglichkeiten, im meist eigenen Haus und Garten, in Feld und Wald. Ein großes Plus des Dorfes sei seine Naturnähe.

Gegenwehr Gegen Bevölkerungsschwund und Leerstände lasse sich etwas tun. Ländliche Kommunen und Bewohner müssten erkennen, dass es auf sie selbst ankommt, wie ihr Dorf dasteht. Es gebe benachbarte Dörfer mit fast den gleichen Rahmenbedingungen. Im einen Ort sei das Gemeinschaftsleben so aktiv, dass man von einem blühenden Dorf sprechen könne, im anderen passiere fast nichts. Als positive Beispiele nennt Henkel Dörfer, in denen sich Genossenschaften gegründet haben, um einen Gasthof oder Laden zu halten. Oder neue, integrative Dorfvereine, die zukunftsgerichtet arbeiten.

Kirche Mit der Auflösung der dörflichen Pfarreien zerstörten viele Bistümer das in Jahrhunderten gewachsene, lokale Denken, Fühlen und Handeln der Dorfgemeinden für ihre Kirche. Die Amtskirche wiederhole die Fehler der kommunalen Gebietsreform, betont Henkel. Dadurch seien hunderttausend ehrenamtlich tätige Bürger aus den Gemeindeparlamenten "wegrationalisiert" worden. Ergebnis: Desinteresse für Kommunalpolitik. "Die gleichen Konsequenzen werden nun der Kirche durch das Wegfallen der lokalen Pfarrgemeinderäte und Kirchenvorstände bevorstehen." Anstatt die örtlichen Gemeinden zu stärken, betreibe die Kirche ihren Rückzug aus den Dörfern. Henkel: "Amtskirche beseitigt Volkskirche."

Zukunft Erstaunlicherweise sagt Henkel: "Dorf und Land haben heute die beste Phase ihrer Geschichte." Im Vergleich zu den 50ern sei der Wohlstand in den Dörfern größer. Die Bewohner müssten sich nicht mehr um ihr tägliches Brot sorgen. Auch die Enge, das starre soziale Gefüge hätten sich sehr gelockert. Das Dorf sei liberaler, vielschichtiger geworden. Dorfbewohner seien heute Globetrotter, sie bewegten sich in verschiedenen Welten und nähmen auch an städtischer Kultur teil. Henkel ist zuversichtlich, dass es auch in 50 Jahren noch Dorflandschaften gibt: "Die Menschen lieben das Dorf." Allerdings würden sich Dörfer wohl weiter in Richtung Freizeit- und Kulturlandschaften entwickeln.

Vortrag über Stärken und Schwächen unserer Dörfer

Vortrag Im Hüttisheimer Kulturstadel hält Gerhard Henkel am Freitag, 17. Oktober, 19.30 Uhr, einen Vortrag zum Thema "Stärken und Schwächen unserer Dörfer - Ein Fitnessprogramm für die Zukunft". Veranstalter: vh Ulm, BUND-Ortsgruppe Hüttisheim, Gemeinde Hüttisheim (Vorverkauf sechs/sieben Euro, Abendkasse sieben/acht Euro).

Buch Gerhard Henkel: Das Dorf. Landleben in Deutschland - gestern und heute. Verlag Konrad Theiss, 344 Seiten, 49,95 Euro.

SWP

PETRA LAIBLE
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