Lyrikerin Eva Christina Zeller: „So ein Eichhörnchenunterfangen“

Eva Christina Zeller vor ihrer Lieblingsbuche in ihrem „Schreibgarten“ am Neckar. Foto: 

Über Kaffee, Butterbrezel und einige Bücher hinweg blickt Eva Christina Zeller von ihrer Terrasse auf ganz viel Grün. Darin tummeln sich drei Eichhörnchen. An ihnen bleibt ihr Blick hängen, noch bevor er den gemächlich vorbeifließenden Neckar und die durch Efeu und Buchenlaub schimmernde Platanenallee auf der Neckarinsel streift. Vor, auf und an der efeubewachsenen Lieblingsbuche im Garten der in Ulm geborenen Dichterin tun die drei aufs Sprunghaft-Eleganteste das, was Eichhörnchen nun mal tun: Nüsse suchen, sammeln, eingraben, ausbuddeln, knacken, kauen, verdauen.

Was sie als Lyrikerin mache, sei „auch so ein Eichhörnchenunterfangen“, meint die 56-jährige langjährige Radiojournalistin und spätberufene Berufsschullehrerin, die in Zuffenhausen aufwuchs und heute in Tübingen lebt. Wenn 70 Prozent der Gedichte für ein Buch beim zweiten Lesen rausfliegen – „entweder sie sind zu kitschig oder der dahintersteckende Gedanke ist zu kompliziert“ –, um eventuell später in einen anderen Text einzufließen, sei das im Prinzip nichts anderes als „vergraben und wieder rausholen“. Dass das ihre Berufung sein könnte – nur in den 90ern hat sie nach einer vernichtenden Kritik mal zehn Jahre lang nichts veröffentlicht –, erkannte sie mit 16 Jahren. Unter recht dramatischen Umständen. „Das Schreiben hat mir das Leben gerettet.“

Wie Hermann Hesse, der am gleichen Tag wie sie Geburtstag hat, brach sie früh aus der protestantischen Provinz aus. Die Katharinenstiftschülerin, die „als Fleu­rop-Mädchen“ viel über Soziales im als „Inbegriff von Hässlichkeit“ empfundenen Ort des Porsche-Stammsitzes gelernt hatte („die Armen geben Trinkgeld, bei den Reichen musst du dich vor dem Hund in Acht nehmen“), zog es für ein Austauschjahr in die USA. Sie landete in einem katholischen Haushalt im tiefsten Bible Belt – ein Schock: „Ich dachte, Amerika ist Freiheit, dabei durfte ich nicht mal allein zum Briefkasten radeln.“ Also nichts wie weg da. Ans Meer!

Diesen dringenden Wunsch wiederholt zu äußern bewirkte nichts. Erst als eine Lehrerin ihr Tagebuch las und es über den Rektor an einen Psychologen gelangte, wurde sie gehört. Da man sie für suizidal hielt, durfte sie die zweite Hälfte des Jahres bei einer Hippiefamilie in einem Caravan auf einer Insel vor Seat­tle verbringen. Mit drei jüngeren „Geschwistern“, Hund, Katze und Marihuana-Anbau. Und einem Entenküken, das sie nach Konrad Lorenz auf sich prägen wollte.

Bob Dylan löste das Jugendidol Hesse ab. Die ersten Gedichte schrieb sie auf Englisch. Weil sie nach einem Jahr ohne Telefon ihre Muttersprache vergessen hatte. Und weil „Lyrik Gefühls­ausdruck ist. Im Schwäbischen ist man da sehr spröde“.

Um Schriftstellerin zu werden, trampte Eva Christina Zeller nach dem Abi mit ihrer Querflöte durch Europa und begann in Berlin Philosophie, Theaterwissenschaften und Germanistik zu studieren. Später lockte sie die Liebe nach Tübingen. Wo sie in Schreibseminaren von Walter Jens ihre „Heimat fand“.

Schon vor dem Examen erschien ihr erster Gedichtband: „Das Meer kennt kein Meer“. Für ihren dritten „Folg ich dem Wasser“ gab’s 1989 den Thaddäus-Troll-Preis. Ans Wasser habe es sie schon immer gezogen. Als Kleinkind sei sie mal „fast in den Fluten der Donau versunken“. Die Eltern hatten beim Spaziergang in der Ulmer Au nicht realisiert, dass sie schon laufen konnte.

Nach einem mehrmonatigen Venedig-Aufenthalt, der sie zu ihrem jüngsten Buch „Auf Wasser schreiben“ inspirierte, lebt sie nun an einem der idyllischsten Orte Tübingens mit Blick auf ihren „Schreibgarten“ am Neckar.

Neuland betreten

Dort wartet sie aufs nächste Thema. „Die Sprache reicht mir nicht“, erklärt sie. „Ich muss auch was zu sagen haben, über Erfahrungen, seelische Prozesse rangehen. Wenn’s gut ist, betritt man mit jedem Gedicht Neuland.“ Am besten sei ihr das 2012 in „Die Erfindung deiner Anwesenheit“ gelungen, in dem sie den frühen Tod ihres Jugendfreunds Bodo verarbeitete. „Ich glaube, Dichter sind Leute, die mit der Vergänglichkeit große Schwierigkeiten haben. Sie wollen Worte finden, um irgendetwas dagegen zu tun.“ Im Moment schreibe sie Gedichte „für diese tolle Buche da“, über die ihr Blick auf den Neckar schweift.

Der scheint durch den Wind just flussaufwärts zu fließen. Wäre er eine Zeitschiene, stünde der Lauf des Lebens nun still. „Aber wenn ich die dahintreibenden Blätter ansehe, hat das ja auch etwas Schönes.“ Im Gedicht heißt das „bilder schwimmen davon“. Und etwas weiter: „die Stadt ist eine walnuss“. Da lassen doch die Eichhörnchen grüßen. Über Nacht hinterließen die auf ihrer Terrasse eine halbe Nussschale.

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