Erneut Männer wegen illegalen Waffenhandels im Darknet vor Gericht

Illegaler Waffenhandel im Darknet: Erneut stehen zwei Männer im Südwesten dafür vor Gericht. Sie sollen Waffen umgebaut und im Netz verkauft haben.

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    Über den anonymen Bereich des Internet, das Darknet, sollen die Waffendeals abgewickelt worden sein. Foto: 
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    Mutmaßlicher Händler der Münchner Amokwaffe festgenommen DPA - 17.08.2016 Das Zollfahndungsamt Frankfurt präsentiert am 17.08.2016 am Rande einer Pressekonferenz in Frankfurt am Main (Hessen) eine Walther Pk380, die bei einem 17-jährigen Schüler aus Hessen sichergestellt wurde. Ermittler haben am Dienstag in Marburg einen Mann und seine Freundin festgenommen, die dem Amokschützen von München die Waffe verkauft haben sollen. Foto: 
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    Waffen dieser Art sollen die Männer verkauft haben: Kalaschnikow-Maschinengewehre sowie Walther PK 380. Foto: 

Das Darknet hat zwei blasse Gesichter. Normalerweise ist das Darknet, das „Dunkle Netz“, ein anonymer Bereich des Internets. Manchmal aber werden Menschen, die sich dort bewegen, enttarnt und dadurch öffentlich. Dann bekommen sie Gesichter, in diesem Fall eben zwei blasse. Die beiden jungen Männer zu den Gesichtern, 25 und 28 Jahre alt, müssen sich seit Donnerstag wegen illegalen Waffenhandels im Darknet vor dem Stuttgarter Landgericht verantworten.

Sie wirken gefasst, als sie den Saal betreten, größere Regungen sind in ihren Gesichtern nicht zu erkennen. Der 28-Jährige trägt schwarze Schuhe zu schwarzer Hose und hochgeknöpftem schwarzen Poloshirt, die rotblonden Haare sind kurzgeschoren. Nur sein Händekneten deutet eine gewisse Nervosität an. Die Verlesung der Anklage durch Staatsanwältin Katrin Fischer verfolgt er mit gesenktem Blick auf einen Zettel seines Anwalts Herakles Dimitriadis. Sein 25 Jahre alter mutmaßlicher Kompagnon trägt eine graue Hose zu weißem Hemd und blauer Krawatte, die dunklen Haare sind streng gescheitelt. Während Fischer die gegen die beiden erhobenen Punkte vorträgt, liest er abwechselnd auf einem Zettel seines Anwalts Olaf Panten mit oder fixiert die Staatsanwältin.

Dafür hat er viel Zeit, denn die Anklageliste ist lang. Staatsanwältin Katrin Fischer benötigt fast eine halbe Stunde, die Punkte samt dazugehöriger Beweismittel  vorzutragen. Denn was sie dort verliest, klingt nach weit mehr als einem exzellent ausgestatteten Hobbykeller. Die Aufzählung dokumentiert vielmehr den Versuch der Männer, mit umgebauten Schreckschusspistolen und Maschinengewehren „erheblich Geld zu verdienen“, wie Fischer ausführt. Hydraulische Presse, Schraubstock, Tischdrehmaschine, Winkelschleifer, Schneidplatten und Gewindebohrer: Die teschnische Ausstattung im Keller des Hauses der Großmutter des 25-Jährigen in Sindelfingen ließen der Anklage zufolge auf das professionell-gewerbsmäßige Ansinnen der beiden schließen.

Konkret lautet der Vorwurf: Verstöße gegen das Waffengesetz und gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz. Den Männern wird vorgeworfen, mehrere Schreckschusspistolen sowie Sturmgewehre der Marke Kalaschnikow aus chinesischer und jugoslawischer Produktion zu scharfen Waffen umgebaut und samt Munition für insgesamt mehrere zehntausend Euro im anonymen Bereich des Internets verkauft zu haben – mal für 700 Euro, mal für 950 Euro, mal für mehr als 1000 Euro. Nach Krefeld, nach Hamburg, nach Freising.

Vornehmlich deutschland-, aber auch europaweit sollen sie sich betätigt haben: Eine Lieferung, deren Verbleib bis heute unklar ist, sollte nach Paris gehen. Es gebe jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass diese Waffen je dort ankamen oder gar bei den Terroranschlägen mit 130 Toten verwendet wurden. Die beiden Männer flogen kurz nach den Anschlägen am 13. November vergangenen Jahres auf. Bei Durchsuchungen der Wohnung des 25-Jährigen in einer Gemeinde bei Sindelfingen fanden Ermittler 16 Schusswaffen.

Die Idee ist den Angeklagten wohl im vergangenen Sommer gekommen. Und der Plan wurde rasch umgesetzt: Denn bereits für September 2015 trägt Fischer in der Anklage den Versand von zu Walther PK 380 umgebauten Umarex-Schreckschusswaffen vor. Für das Handwerk war laut Anklage der 25-jährige Werkzeugmacher zuständig, der aktuell in Stuttgart in Untersuchungshaft sitzt. Der 28-Jährige, der eine eigene Firma führt, soll vorrangig das Geld für den Erwerb von Maschinen und Material zur Verfügung gestellt haben. Die Gewinne aus den Waffendeals sollten demnach über seinen legalen Betrieb gewaschen werden.

Mit ihren Anwälten haben sich die beiden Angeklagten darauf verständigt, dass sie zunächst schweigen. Auch die Anwälte verlesen am ersten Verhandlungstag keine Stellungnahme. Richtig starten wird der Prozess also in knapp zwei Wochen, am 21. September. Für diesen Termin kündigte Richterin Haußmann vorab schon mal eine opulente Beweismittelaufnahme an. Insgesamt sind fünf Termine bis Mitte Oktober für den Prozess vorgesehen, in dem die 18. Strafkammer des Landgerichts Stuttgart klären will, was die beiden Männer mit den blassen Gesichtern im dunklen Netz so trieben.

U-Haft und Verurteilung für Händler

Debatte Das Darknet macht aktuell immer wieder Schlagzeilen. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) spricht von einer „großen Herausforderung für uns alle“. Auch der Amokläufer von München soll seine Tatwaffe dort erworben haben – eine einst fürs Theater entschärfte, dann aber wieder scharf gemachte Waffe. Der 18-Jährige hatte im Juli neun Menschen und sich selbst erschossen. Der mutmaßliche Verkäufer der Waffe sitzt in Untersuchungshaft.

Häufung Prozesse wie in Stuttgart gibt es immer wieder: Im Juli verurteilte das Landgericht Heidelberg einen Mann wegen Waffenhandels im Darknet. Es sah als erwiesen an, dass er dort Pistolen und Sturmgewehre illegal verkauft. tk/dpa

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